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Arbeitstitel Wirksame Zeichen? Sakramentenlehre und Semiotik im Zeitalter der Reform (1418-1618)
Betreuer Prof. Maarten J.F.M. Hoenen, Prof. Burkhard Hasebrink (beide Freiburg) und Prof. Irena Backus (Genf)

Thematik

Hauptanliegen der Dissertation ist es, die Debatten um die Frage nach der efficacia sacramentorum im Zeitraum von ca. 1400 bis ca. 1600 nachzuzeichnen und deren Verknüpfung mit unterschiedlichen Sprach- und Zeichentheorien aufzuzeigen. Die Relevanz dieser Thematik liegt dabei nicht einfach in der zeitlich etwas breiter angelegten Untersuchung eines reformationsgeschichtlich zentralen Streitpunkts aus philosophiehistorischer Perspektive; vielmehr lässt sich an der Frage nach der Wirkweise der Sakramente modellhaft Einblick gewinnen in Funktionsweise und Vermittlung von theologischen Debatten im (langen) ausgehenden Mittelalter:
• Erstens gibt es in dieser Frage seit der Hochscholastik zwar klare und kontroverse Antworten, die aber nie durch Lehrentscheide oder Verurteilungen entschieden worden sind. Insofern steht die Debatte nicht unter ständigem Häresieverdacht und kann entsprechend frei geführt werden — auch über die Reformation hinaus, weil die Reformatoren in diesem Punkt (auch untereinander) nicht einer bereits verurteilten Lehre bezichtigt werden können.
• Zweitens nehmen die Ausführungen zur efficacia sacramentorum bereits in den meisten Sentenzenkommentaren des ausgehenden Mittelalters eine prominente Stellung ein, was sich im Zuge der Reformation in den entstehenden kontroverstheologischen Schriften natürlich nur noch verstärkt. Die Frage nach der Wirksamkeit der Sakramente steht damit stellvertretend für die grundsätzliche grosse Bedeutung, welche der Sakramententhematik und — im 15. und frühen 16. Jahrhundert — dem vierten Buch der Sentenzen zukommt.
• Drittens ist diese Frage keine rein theologisch oder eine juristisch ausgerichtete, wie andere Teile des 4. Buchs von Lombards Sentenzen. Vielmehr ist sie grundlegend mit philosophischen Problemen verstrickt: Dies einerseits im Bereich der Ursachenlehre, andererseits im Bereich der Semiotik. Es ist vor allem dieser Zeichenbezug, der es erlaubt, die theologische Debatte im weiteren Rahmen der spätmittelalterlichen 'Schulstreitigkeiten' zu sehen; zudem werden semiotische Fragen entscheidend für die innerreformatorischen Differenzen in der Sakramentenfrage.

Vorgehen

Die Fragestellung betrifft einen relativ grossen und geistesgeschichtlich heterogenen Zeitraum. Um innerhalb der divergierenden Textformen, aus welchen sich Informationen zur Wirkweise von Sakramenten (oder grundsätzlicher von Zeichen) gewinnen liessen, eine minimale Vergleichbarkeit gewährleistet zu haben, beschränkt sich das vorliegende Projekt – wo dies möglich ist – auf Texte, die aus einem institutionalisierten Bildungskontext stammen. Dieses Kriterium erlaubt es insbesondere, die teilweise sehr allein stehenden humanistischen Theorien aus dem vorliegenden Kontext auszuklammern.
Für das ausgehende Mittelalter heisst dies, dass ich mich vorwiegend auf Kommentare zu Lombards Sentenzen einerseits (und hier insbesondere auf die erste Distinktion des vierten Buches), und zu klassischen Logikeinführungen andererseits (v.a. die einleitenden Kapitel sei es zu Petrus Hispanus, zu Buridan, oder zu Paulus Venetus) beschränke. Mit Vorteil sind hier Autoren zu betrachten, die in beiden Bereichen Kommentare verfasst haben (Lambertus de Monte, Nicolas d'Orbellis, Petrus Tartaretus, John Mair; in weiterem Sinne auch Dionysius Carthusianus) oder die sich zumindest dank logischen Schriften über ihren Sentenzenkommentar hinaus in die Strömungen des ausgehenden Mittelalters einordnen lassen (Wilhelm Vorillon mit seinem Vademecum non opinionum Scoti; Stephanus Brulefer mit seinen Formalitates). Der Einbezug herausragender Autoren wie Johannes Capreolus oder Gabreil Biel versteht sich von selbst.
Schwieriger ist es, das Kriterium des Bildungskontextes in der Reformationszeit durchzuziehen. Zwar bieten sowohl Melanchthon und Calvin auf reformierter, als auch Domingo de Soto und Roberto Bellarmini auf katholischer Seite entsprechende Schriften; für das Verständnis der vertretenen Positionen ist es aber unumgänglich, die vorangehenden Debatten sowohl der ersten Reformatoren untereinander (Luther, Zwingli, Bucer) als auch zwischen Reformatoren und Altgläubigen (Cajetan, Eck) mit einzubeziehen.
Erst in der dritten hier betrachteten Phase der konfessionellen Konsolidierung wird es wieder einfacher, sich auf Schriften aus dem Bildungskontext zu beschränken. Zwar bleibt es auch hier unumgänglich, die Beschlüsse des Tridentinums mit einzubeziehen; darüber hinaus runden aber mit den Anfängen der 'zweiten Scholastik' auf katholischer Seite, bzw. der 'protestantischen Scholastik' auf reformierter Seite eine Reihe interessanter und zum Teil noch kaum untersuchter Autoren das hier gezeichnete Bild ab (Conimbricenses, Keckermann, Timpler).

erwartbare
Ergebnisse

Gemäss dem Hauptanliegen des Dissertationsprojekts ist als vorrangiges Ergebnis die Darstellung der Verstrickung von Semiotik und Sakramentenlehre im Bereich der Frage nach der Wirkweise der Sakramente zu erwarten. Es wird sich dabei zeigen lassen, dass im ausgehenden Mittelalter keine grundsätzlich neuen Lösungen geboten werden, sondern dass vielmehr die zwei konkurrierenden Ansätze der Hochscholastik – Mitursächlichkeit vs. Pakt-Theorie – im Anlehnung an Thomas von Aquin, bzw. an Duns Scotus aufbereitet und durchdiskutiert werden. Dabei wird sich zeigen lassen, dass die zwei Ansätz auch mit je einem spezifischen Verständnis davon verbunden sind, wie Signifikationszusammenhänge funktionieren. Mindestens folgende drei Differenzen sind für das vorliegende Projekt interessant: 1. die Frage nach dem ordo significandi (ob Worte Dinge oder Konzepte bezeichnen); 2. die Frage, ob die vis significandi aus der ursprünglichen impositio nominis oder aus dem alltäglichen usus loquentium stammt; und 3. die Frage, ob Zeichen Zeichen ihrer selbst sein können. Interessanterweise tauchen nun dieselben Modelle sowohl des sakramentalen Geschehens als auch des Funktionierens von Zeichen hinter den innerreformatorischen Differenzen wieder auf: Wie zu zeigen sein wird, wird auf lutherischer Seite das thomistische Modell einer instrumentellen Mitursächlichkeit favorisiert (und in der Abendmahlsfrage zur Theorie der Realpräsenz ausgearbeitet), während die Reformierten das scotistische Modell radikaliseren und im sakramentalen Vollzug überhaupt kein Geschehen mehr erkennen können. Im Zuge der protestantischen Scholastik werden entsprechend auch die zugehörigen Zeichenmodelle aufgenommen und gegeneinander ausgespielt.

Über diese blosse Darstellung der Verstrickung von Theologie und Logik hinaus scheinen mir aber – gewissermassen als Nebenprodukte – eine Reihe weiterer Ergebnisse erwartbar zu sein, welche das Innovationspotential der vorliegenden Arbeit in nicht unbedeutendem Mass ausmachen dürften:

1. Ein Grossteil der hier untersuchten spätmittelalterlichen Quellen ist von der bisherigen Forschung kaum beachtet worden. Zwar rücken die spätmittelalterlichen Sentenzenkommentare mehr und mehr ins Interesse, vertiefte Studien zum 15. und frühen 16. Jahrhundert fehlen aber weiterhin, so dass hier die vorgesehene Untersuchung tatsächlich Pionierarbeit leisten dürfte. Etwas besser sieht es bei den Logik-Schriften dieser Zeit aus, doch sind auch sie unter dem hier vorgesehenen Aspekt noch kaum untersucht worden.
2. Die Ausrichtung des Projekts, die reformierten Strömungen in den weiteren Rahmen der spätmittelalterlichen Theologie einzubinden, entspricht nicht gerade einer Lieblingsthematik der aktuellen Reformationsforschung. Zwar besteht eine beachtliche Reihe an Studien zu den spätmittelalterlichen Einflüssen auf die Reformation, doch gehen diese allzu oft von völlig veralteten Klassifikationen aus oder werden aber in der aktuellen Diskussion schlicht nicht beachtet. Hier wird sich einiges an Revisionsarbeit leisten lassen.
3. Über eine Berichtigung der erwähnten veralteten Klassifikationen hinaus dürfte die vorliegende Studie auch ergänzende Anmerkungen zur Neubewertung des Wegestreits innerhalb der Philosophiegeschichte bieten, da sie eine theologische Problematik aufgreift, deren Alternativen klar mit zwei Exponenten der damaligen Schulzuordnungen verbunden sind. Durch die Verknüpfung mit semiotischen Fragen wird sich zeigen lassen, dass der Wegestreit auch auf theologischen Nebenschauplätzen seine Spuren hinterlassen hat.
4. Das Projekt stösst im dritten Teil des untersuchten Zeitraums erneut auf Denker, die in der bisherigen Forschung noch kaum beachtet worden sind. Vor allem die protestantische Scholastik ist ein zwar benanntes, aber bisher noch kaum untersuchtes Phänomen, dessen Bezüge zur spätmittelalterlichen Scholastik noch völlig im Dunkeln liegen. Mit der Eingliederung der erwähnten Positionen in den grösseren Zeithorizont der vorliegenden Untersuchung können hier erste Eingrenzungen geleistet werden.
5. Der Zeithorizont der vorliegenden Untersuchung bringt es schliesslich mit sich, dass sich auch Anmerkungen zur immer wieder diskutierten Epochenfrage ergeben werden. Es liegt im Fokus der vorliegenden Arbeit, dass hier eher Kontinuitäten statt Umbrüche deutlich gemacht werden.

Version vom 30. Juni 2010

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