Gemäss dem Hauptanliegen des Dissertationsprojekts ist als vorrangiges Ergebnis die Darstellung der Verstrickung von Semiotik und Sakramentenlehre im Bereich der Frage nach der Wirkweise der Sakramente zu erwarten. Es wird sich dabei zeigen lassen, dass im ausgehenden Mittelalter keine grundsätzlich neuen Lösungen geboten werden, sondern dass vielmehr die zwei konkurrierenden Ansätze der Hochscholastik – Mitursächlichkeit vs. Pakt-Theorie – im Anlehnung an Thomas von Aquin, bzw. an Duns Scotus aufbereitet und durchdiskutiert werden. Dabei wird sich zeigen lassen, dass die zwei Ansätz auch mit je einem spezifischen Verständnis davon verbunden sind, wie Signifikationszusammenhänge funktionieren. Mindestens folgende drei Differenzen sind für das vorliegende Projekt interessant: 1. die Frage nach dem
ordo significandi (ob Worte Dinge oder Konzepte bezeichnen); 2. die Frage, ob die
vis significandi aus der ursprünglichen
impositio nominis oder aus dem alltäglichen
usus loquentium stammt; und 3. die Frage, ob Zeichen Zeichen ihrer selbst sein können. Interessanterweise tauchen nun dieselben Modelle sowohl des sakramentalen Geschehens als auch des Funktionierens von Zeichen hinter den innerreformatorischen Differenzen wieder auf: Wie zu zeigen sein wird, wird auf lutherischer Seite das thomistische Modell einer instrumentellen Mitursächlichkeit favorisiert (und in der Abendmahlsfrage zur Theorie der Realpräsenz ausgearbeitet), während die Reformierten das scotistische Modell radikaliseren und im sakramentalen Vollzug überhaupt kein Geschehen mehr erkennen können. Im Zuge der protestantischen Scholastik werden entsprechend auch die zugehörigen Zeichenmodelle aufgenommen und gegeneinander ausgespielt.
Über diese blosse Darstellung der Verstrickung von Theologie und Logik hinaus scheinen mir aber – gewissermassen als Nebenprodukte – eine Reihe weiterer Ergebnisse erwartbar zu sein, welche das Innovationspotential der vorliegenden Arbeit in nicht unbedeutendem Mass ausmachen dürften:
1. Ein Grossteil der hier untersuchten spätmittelalterlichen Quellen ist von der bisherigen Forschung kaum beachtet worden. Zwar rücken die spätmittelalterlichen Sentenzenkommentare mehr und mehr ins Interesse, vertiefte Studien zum 15. und frühen 16. Jahrhundert fehlen aber weiterhin, so dass hier die vorgesehene Untersuchung tatsächlich Pionierarbeit leisten dürfte. Etwas besser sieht es bei den Logik-Schriften dieser Zeit aus, doch sind auch sie unter dem hier vorgesehenen Aspekt noch kaum untersucht worden.
2. Die Ausrichtung des Projekts, die reformierten Strömungen in den weiteren Rahmen der spätmittelalterlichen Theologie einzubinden, entspricht nicht gerade einer Lieblingsthematik der aktuellen Reformationsforschung. Zwar besteht eine beachtliche Reihe an Studien zu den spätmittelalterlichen Einflüssen auf die Reformation, doch gehen diese allzu oft von völlig veralteten Klassifikationen aus oder werden aber in der aktuellen Diskussion schlicht nicht beachtet. Hier wird sich einiges an Revisionsarbeit leisten lassen.
3. Über eine Berichtigung der erwähnten veralteten Klassifikationen hinaus dürfte die vorliegende Studie auch ergänzende Anmerkungen zur Neubewertung des Wegestreits innerhalb der Philosophiegeschichte bieten, da sie eine theologische Problematik aufgreift, deren Alternativen klar mit zwei Exponenten der damaligen Schulzuordnungen verbunden sind. Durch die Verknüpfung mit semiotischen Fragen wird sich zeigen lassen, dass der Wegestreit auch auf theologischen Nebenschauplätzen seine Spuren hinterlassen hat.
4. Das Projekt stösst im dritten Teil des untersuchten Zeitraums erneut auf Denker, die in der bisherigen Forschung noch kaum beachtet worden sind. Vor allem die protestantische Scholastik ist ein zwar benanntes, aber bisher noch kaum untersuchtes Phänomen, dessen Bezüge zur spätmittelalterlichen Scholastik noch völlig im Dunkeln liegen. Mit der Eingliederung der erwähnten Positionen in den grösseren Zeithorizont der vorliegenden Untersuchung können hier erste Eingrenzungen geleistet werden.
5. Der Zeithorizont der vorliegenden Untersuchung bringt es schliesslich mit sich, dass sich auch Anmerkungen zur immer wieder diskutierten Epochenfrage ergeben werden. Es liegt im Fokus der vorliegenden Arbeit, dass hier eher Kontinuitäten statt Umbrüche deutlich gemacht werden.
Version vom 30. Juni 2010